Mit Gene Bertoncini, Ahmed El-Salamouny und Uli Hoffmeier
Zum ersten mal habe ich den Workshop alleine organisiert und durchgeführt weil Gitarrenbauer Stefan Sonntag sich zurückgezogen hat und als Mitorganisator nicht mehr in Erscheinung treten wollte. Dadurch waren sicher ein paar Gitarren weniger zum Antesten vorhanden und auch die Internetpräsenz des Workshops war weniger stark als in den Jahren zuvor. Andererseits gab es zum ersten mal die Möglichkeit – statt wie bisher nur einen – zwei zusätzliche Dozenten zu engagieren: Ahmed El-Salamouny und Gene Beroncini.
Für das Thema Bossa&Brazil ergänzten sich beide phantastisch: Gene inspirierte mit seinen jazzigen Arrangements während Ahmed besonderen Schwerpunkt auf Originalpattern in der Begleitung legte. Beide spielen Nylonstring-Gitarren und so war es nur folgerichtig, daß meine Aufgabe darin bestand, die Grundlagen des Rhythmus- und Solospiels auf der Archtopgitarre zu zeigen.
Jeden Morgen nach dem Frühstück gab es unter Anleitung von Ahmed ein Warm-up auf brasilianischen Rhythmusinstrumenten, auf denen wir die wichtigsten Originalrhythmen lernten. Und zum ersten Mal konnten auch die mitgereisten Partnerinnen und Partner an der Musik aktiv teilnehmen weil wir zusammen eine richtige Batucada auf die Beine stellten. Das Spiel auf Surdo, Tamborim, Agogo, Shaker und weiteren Percussioninstrumenten rieß uns so mit und entwickelte sich so gut, daß wir beschlossen, diesen Carnevalsumzug zum Ein- und Ausmarsch beim Abschlußkonzert auch dem geneigten Publikum vorzuführen. Damit standen zum ersten mal auch viele „Nicht-Gitarristen“ auf (bzw. vor) der Bühne und waren musikalisch an der Gestaltung des Abends beteiligt, was dem Kurs natürlich eine ganz besondere Atmosphäre gab.
Die drei Dozenten teilten sich die Teilnehmer gleich auf und jede Gruppe hatte genau so viel Zeit mit jedem Dozenten – was allerdings dazu führte, daß an einem der Tage der Unterricht vor- und nachmittags stattfand. Dadurch war der angebotene Stoff insgesamt für einige Teilnehmer mehr, als in einer Woche verkraftet werden konnte zumal wir auf den traditionellen Besuch des Provencemarktes in St.Rémy am Mittwoch Vormittag genauso wenig verzichten wollten wie auf den Besuch einer Ziegnkäserei im Nachbarort Le Paradou bei dem wir uns als Apéro vor dem Diner den herrlichsten Ziegenkäse auf der Zunge zergehen ließen.
Der Unterricht war in diesem Jahr so konzipiert, daß alle drei Dozenten den Teilnehmern u.a. dasselbe Stück näher brachten: den Bossa Nova „Black Orpheus“.
Ahmed konnte die wichtigsten Pattern an den Mann und die Frau bringen, Gene überraschte mit einer harmonisierten Melodielinie, und ich demonstrierte neben der Rhythmusbegleitung wie man mit ein paar „Elementen der Jazzsprache“ nach Coker sofort Soli spielen kann, die nach Jazz klingen. Natürlich war „Black Orpheus“ eines der von allen gespielten Highlight des Abschlußkonzertes im Salle Agora, den wir dank der Unterstützung der Stadt Maussane und des Kulturreferenten Mr.Lopez wieder zur Verfügung gestellt bekamen und der wie in den Vorjahren gut gefüllt war.
Dieses Jahr schien die Vorbereitung auf das Abschlußkonzert wesentlich relaxter zu sein – viele „Wiederholungstäter“ kannten ja das Procedere und strahlten offenbar genug Sicherheit auch für die Neuen aus: nach dem gemeinsamen Diner um 18:00 Uhr machten wir uns zu Fuß, mit dem Rad oder dem Auto zum nahegelegenen Saal auf. Nachmittags hatten wir bereits aufgebaut und Soundcheck gemacht – eine Generalprobe wie in manch früheren Jahren erschien uns nicht nötig. Die Stücke wurden dann in einem Set ab 20:30 sehr gekonnt auf die Bühne gebracht und wie in den Jahren zuvor von mir anmoderiert. Der Beifall war berauschend und wurde von uns in angemessener Körperhaltung entgegengenommen.
Ein Highlight war die Darbietung des Evergreens „Killing me softly“ durch die Gewinner des allabendlichen Contests im Hotel: jeden Abend wird ja ein Tisch ausgelost, der nach dem Hauptgang des Vier-Gänge-Menus eine kurze Darbietung zum Besten gibt. So gab es in den vergangenen Jahren u.a. Jazzstandards, Kanons, Sketche, Zaubertricks, Jonglagen und eben den oben genannten Song, der durch seine besondere Bearbeitung mit Dobro und Satzgesang den ersten Platz belegte und wiederum mitgereisten Partnerinnen die Möglichkeit gab, aktiv auf der Bühne zu partizipieren.
Das Hotel Val Baussenc überrascht uns jedes Jahr mit kleinen Veränderungen: hier ein frisch gestrichenes Zimmer, dort ein neuer Fußboden, neue Betten oder WCs. Die Crew um Chefin Isabelle (auf dem Foto ganz rechts) legt sich mächtig ins Zeug, um den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Auch spezielle Wünsche fürs Diner sind für die Küche kein Problem: ob vegetarisch oder vegan, alles ist stets lecker, frisch zubereitet und beinahe sterneverdächtig! Die Bar ist fast den ganzen Tag bis weit in die Nacht hinein geöffnet, damit wir ausreichend mit Kaffee und anregenden Getränken versorgt sind und bei den Sessions nicht plötzlich „auf dem Trockenen“ sitzen.
Apropos Session: die „Session light“ für weniger Versierte im Seminarraum fand große Zustimmung und wird sicher in Zukunft fortgesetzt.
Für die traditionelle Abschlußfeier nach dem Konzert hatte ich zum Anstoßen Champagner kalt stellen lassen aber zunächst wurde jedem Teilnehmer die von den drei Dozenten unterschriebene Urkunde über die erfolgreiche Teilnahme überreicht.
Anschließend wurde ausgelassen gefeiert, getanzt und musiziert!
Einige Teilnehmer nutzen inzwischen ja ausgiebig die Gelegenheit, zu den günstigen Konditionen, die uns das Hotel auch über die Woche hinaus gewährt, einige Tage Extraurlaub voranzustellen oder hinten dran zu hängen. So bleibt trotz aller Musik noch Zeit, für Ausflüge per Rad z.B. auf den Mont Ventoux, ans Meer oder um vorhandene Kontakte und Freundschaften zu vertiefen.
Dieses Jahr gab es besonders viel Feedback, was mich natürlich sehr gefreut hat und wofür ich mich ganz herzlich bedanken möchte. Ich versuche, alle Anregungen, die ins Konzept passen, umzusetzen, bitte aber um Nachsicht, wenn sich nicht jede Idee verwirklichen läßt. Der Workshop soll auch in Zukunft eine kleine Oase bleiben und wird – solange ich dabei bin – nicht kommerzialisiert werden. Ich habe Vertrauen in die Eigeninitiative der Teilnehmer, angefangen beim Finden der Informationen im Netz, über die selbstorganisierte Anreise, dem Buchen zusätzlicher Tage im Hotel, dem Organisieren der „Freizeit“, bei den Sessions, bis zur Auswahl der öffentlich aufgeführten Stücke. Der Workshop ist kein All-Inclusiv-Rund-Um-Sorglos-Paket! Mir liegt andererseits viel an einer entspannt-familiären Atmosphäre, in der jeder von jedem lernen kann und in der jeder Bereitschaft zeigt, mit jedem zu spielen. Auch die Erschwinglichkeit für „jedermann“ liegt mir am Herzen. Deshalb tut es mir auch leid, daß die Teilnahmegebühren zum ersten mal seit 2012 wieder etwas steigen (von 820 € auf 850 € im EZ und von 1078 € auf 1125 € im DZ, inklusive Unterrichtsgebühr, Frühstück und Vier-Gang-Menu mit Wein und Kaffee): zum einen hat das Hotel seine Preise erhöht und zum anderen besteht ein großes Risiko durch den unberechenbaren Dollarkurs oder die steigenden Flugpreise. Am Konzept, keine Gewinne zu erwirtschaften und keinen administrativen „Kropf“ mitzuversorgen, wird aber ebenso wenig gerüttelt wie an der fairen Bezahlung der Dozenten, die seit 10 Jahren unverändert ist. Das Risiko, die amerikanischen Gitarristen über den „großen Teich“ zu holen, trage ich gerne weiterhin. Als ich vor über 15 Jahren mit Jazzworkshops begann, spielten Organisation und Medienpräsenz noch nicht die Rolle wie heute. Beides benötigt viel Zeit, die mir wegen meinen musikalischen Tätigkeiten nur begrenzt zur Verfügung steht. Für kleinere administrative Unzulänglichkeit, die deshalb auch in Zukunft auftreten können, bitte ich um Verständnis und biete auf der anderen Seite jedem der mitkommt, meine größtmögliche Unterstützung und Aufmerksamkeit vor Ort sowie die einmalige Chance, gemeinsam Musik, Lernen und Lachen zu teilen und zu erleben.
Uli Hoffmeier · Musiker, Dozent, Autor
uli_hoffmeier@yahoo.de
Tel.: +49 173 207 85 63